Interview mit Autorin Petra Reski
Von Janis Voss, emotion, Juli 2009 Die Journalistin Petra Reski enthüllt Machenschaften der Mafia und wird dafür von den Beschuldigten vor Gericht gezerrt. Hier erklärt sie, warum Angst der größte Verbündete der Mafiosi ist und dass diese eigentlich unter Komplexen leiden

Frau Reski, warum versucht man Sie einzuschüchtern?
Petra Reski: Die Mafia-Morde vor zwei Jahren in Duisburg haben viele Deutsche aufgeschreckt. Ein PR-Desaster für die Mafia. Nun will sie das Bild der Ehrenwerten Gesell¬schaft wieder herstellen. Deshalb versucht sie, kritische Journalisten mundtot zu machen. Das Ansehen in der Öffentlichkeit ist das Wichtigste für die Mafia. Um die Deutschen von der Harmlosigkeit der Mafia zu überzeugen, wurde sogar eine CD-Trilogie vermarktet, mit folkloristischen Liedern über die kalabrische Mafia.
Welche Taktik benutzt die Mafia, um Journalisten wie sie mundtot zu machen?
Sie verfolgen eine organisierte Einschüchterungstaktik. Bei meiner Lesung in Erfurt wurde ich von mehreren Personen bedrängt. Das mündete in der typischen Mafiadrohung eines italienischen Besuchers mit den Worten Ich bewundere ihren Mut, ich bewundere sehr ihren Mut, ich bewundere wirklich ihren Mut, Frau Reski. Ich habe einen großen Schreck bekommen. Denn in Sizilien gab es bereits acht Journalisten Morde, und darüber hinaus etliche Todesdrohungen an viele Kollegen die dort leben. Die Bedrohung, die ich erlitten habe ist für Deutschland ein Novum, das gab es noch nie.
Sie gehen mit Ihrer Arbeit ein großes Risiko ein. Wofür lohnt es sich?
Die italienische Antimafia-Bewegung braucht Unterstützung aus Europa und speziell Deutschland wurde immer als moralisches Vorbild betrachtet. Ich wollte mit meinem Buch deutlich machen, dass sich die Mafia nicht nur in süditalienischen Bergdörfern versteckt, wo sie singt und tanzt und sich von Zeit zu Zeit gegenseitig meuchelt, sondern auch in Deutschland zu finden ist. Beim Pizzabäcker oder in der Anwaltskanzlei nebenan.
Absolut! Die Mafiosi sind in Deutschland unsichtbar. Sie fahren nicht mal bei Rot über die Ampel. Aber sie waschen ihr Geld hier und handeln mit Drogen und Waffen. Dabei ist die Mafia niemals nur an Geld interessiert. Sie will immer auch Macht und Einfluss auf die Politik. Politiker sind käuflich und die Mafia verfügt über viel Geld. Es geht um unsere Demokratie!
Die Mafia übt symbolische Macht aus. Ihr Einfluss beruht auf Angst. Jeder weiß, dass sie bereit sind grausame Gewalt anzuwenden. Wenn sie etwa Schutzgelder erpressen, genügt es meist Ladenbesitzern die Türschlösser mit Sekundekleber zu verkleben. Fast alle zahlen, kaum einer traut sich Anzeige zu erstatten. Dabei könnten wir die Mafia schnell besiegen, wenn wir alle zugleich keine Angst hätten. Aber die wenigen, die sich dies trauen, werden meist alleine gelassen.
Viele Deutsche haben eher ein romantisch verklärtes Bild von der Mafia Filme wie Der Pate haben die Ikonografie der Mafia stark geprägt. In jedem Mafiaversteck werden die DVDs gefunden. Mafiosi träumen davon, so auszusehen wie die Darsteller. Und viele Zuschauer glauben, dass Mafiosi tatsächlich so überlegen sind wie Marlon Brando und Al Pacino. Ein Trugschluss, denn in Wirklichkeit ist die Mafia eine totalitäre Organisation, die viel mit dem Nationalsozialismus gemein hat nicht nur was die Verachtung für das menschliche Leben betrifft, sondern auch darin, wie der einzelne dank der Ideologie mit einem Über-Ich ausgestattet wird, das ihn aus einem Niemand vermischt mit nichts in ein Jemand verwandelt: in einen Mafioso.
Sie sind das Rückrat der Mafia. Man verkennt die Situation, wenn man aufgrund der Rolle der Frau in Italien glaubt, dass sie in etwas hineingezogen wurden, was sie selbst nicht wollen. Die Frauen geben die moralischen Werte der Mafia an die nächste Generation weiter. Sie wissen, dass ihre Kinder in der Mafia viel Prestige und die besten Aufstiegschancen besitzen. So lassen sie die Mafia weiterleben. Und zugleich ziehen sie die Männer auf wie ein Uhrwerk, halten mit ihrem Ehrgeiz etwa Blutfehden am Leben. Sie wollen bewusst nicht in den Vordergrund und schätzen ihre vermeintliche Opferrolle.
Hat es die Mafia in unserem liberalen Rechtsstaat zu leicht?
Die Mafia hat Anwälte, die jedes Land nach Schwachpunkten ausleuchtet. In Deutschland sind das Gesetzeslücken, etwa, dass Mafiazugehörigkeit hier kein Strafbestand ist. Bereits vor Jahrzehnten hat der ausgestiegene Mafiaboss Tommaso Buscetta als Kronzeuge ausgesagt, dass bevorzugt in Deutschland investiert wird. Mafiagüter können bei uns nicht konfisziert werden. Ideal für die Bosse, um hier ihr Geld zu waschen: Ein Pizzabäcker hat plötzlich 300000 Euro auf dem Konto. Und wenn die Polizei nachfragt, wird eine Schenkungsurkunde eines Onkels aus Süditalien nachgereicht.
Damit macht man sich nicht beliebt. Aber die Erfahrung zeigt: Die Mafia ist der größte Nutznießer des liberalen Rechtsstaats. Vereinfachtes Abhören wäre wirksam. Mafiazugehörigkeit sollte europaweit unter Strafe gestellt werden.
Was kann jeder Einzelne von uns tun?
Wir müssen unser Bild von der Mafia hinterfragen. Die Mafia ist weder romantisch, noch folkloristisch und vor allem nicht weit weg. Ihre Macht beruht einzig auf Angst. Sie wäre leicht zu besiegen, wenn wir alle zugleich für kurze Zeit keine Angst hätten auch keine Angst, die Einsicht auszusprechen, dass die Mafia auch in Deutschland aktiv ist. Wir dürfen Italien nicht mit dem Problem allein lassen.
Sie kennen die brutale Seite Italiens, wieso lieben Sie das Land trotzdem?
Das fällt mir nicht schwer! Italien ist wie ein Verwandter, den man liebt, obwohl man seine dunklen Seiten kennt. Dass die Menschlichkeit trotz der Mafia überlebt hat, ist bewundernswert. Ich spüre hier die Unterstützung wildfremder Menschen. Das entschädigt mich für alles.

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