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Nordrhein-Westfalen: Mafia breitet sich aus - SPD fordert „Lagebild“

Von Wilfried Goebels, 27.08.09, Muensterlaendische Volkszeitung Düsseldorf - Die Mafia breitet sich in Nordrhein-Westfalen aus wie Tumorzellen. Nach einem internen Bericht des Bundeskriminalamtes (BKA) sind bundesweit allein von der kalabrischen „Ndrangheta“ 229 Familienclans mit 900 Mitgliedern aktiv - längst gilt NRW als Hochburg der Mafia.

SPD-Justizexperte Ralf Jäger wirft der Landesregierung vor, die bedrohliche Lage zu schönen. Die SPD fordert ein „Lagebild Mafia-Kriminalität“ und zusätzliche Ermittler. Innenminister Ingo Wolf kontert, dass bereits jeder zehnte der 8000 Ermittler der Kriminalpolizei auf „Mafia-Jagd“ geht. Die Zahl der Strafverfahren gegen die Organisierte Kriminalität ging 2008 zurück - aber gilt das auch für das Ausmaß der Delikte?

Laut BKA nutzt die Mafia NRW als Stützpunkt, Rückzugs- und Aktionsraum. Experten schätzen, dass allein die Ndrangheta in Deutschland in den letzten 15 Jahren 40 Milliarden Euro investiert hat: in Hotels, Immobilien und Gastronomie. Geld aus kriminellen Geschäften - Rauschgift-, Menschen-, Waffenhandel, Schutzgelderpressung und Geldwäsche. Schon seit den 90er Jahren verfolgt die Polizei Mafia-Geschäfte im großen Stil - vor allem in den Räumen Duisburg, Düsseldorf, Recklinghausen und Essen.

Auch zwei Jahre nach dem sechsfachen Mafiamord vor der Duisburger Pizzeria „Da Bruno“ leugnet die NRW-Landesregierung aus Sicht des SPD-Abgeordneten Karsten Rudolph weiter die Bedrohung durch die Clans. Dabei soll allein der 1998 festgenommene Mafioso Giorgio Basile nicht nur eine Raubserie in Duisburg begangen haben - Basile war laut Kriminalpolizei an mehr als 30 Morden beteiligt.

Die Mafia ist längst in Deutschland angekommen. Der operative „Rauschgiftarm“ soll laut BKA von einem Italiener geleitet werden, der Restaurants und einen Feinkosthandel in der Nähe der niederländischen Grenze betreibt. Der streng geheime BKA-Bericht weist 61 Restaurants der kalabrischen Mafia aus. Rudolph will endlich wissen, wie viele davon in NRW liegen - und neben der Organisation dunkler Geschäfte nur ganz nebenbei auch Pizza und Spaghetti anbieten.

Seit 1997 wurden bundesweit 77 gesuchte Mafiosi der Ndrangheta in Deutschland festgenommen. Heute ist die Mafia ein krimineller Mischkonzern, der sich mit dubiosem Geld zunehmend in der normalen Geschäftswelt einnistet. In letzter Zeit machen sich Mafia-Clans verstärkt in der Bauindustrie breit. Der Mafia-Experte Roberto Saviano weiß, warum die Mafia Hunderte von Pizzerien in Deutschland betreibt: Dort lassen sich italienische Clan-Mitglieder und Saisonarbeiter leicht verstecken.

Für den Mafia-Kenner Jürgen Roth liegt die größte Gefahr in den Milliarden Euro, mit denen die „ehrenwerte Gesellschaft“ den Staat schleichend unterwandert. Der Landesvorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamten, Wilfried Albishausen, warnt vor dem unterschätzten Einfluss der Mafia. Im BKA-Dossier hat die Kripo Stammbäume von Mafia-Familien und die Namen ihrer deutschen Helfer aufgelistet - Anwälte, Steuerberater, Bankberater. Kein Wunder, dass das BKA das hochbrisante Papier fest im Tresor verschlossen hat.

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